{"id":337,"date":"2015-10-21T17:31:58","date_gmt":"2015-10-21T15:31:58","guid":{"rendered":"https:\/\/psychose-seminar.info\/?page_id=337"},"modified":"2015-10-21T17:31:58","modified_gmt":"2015-10-21T15:31:58","slug":"zwischen-beschuetzen-und-ueberfordern-welcher-umgang-mit-dem-patienten-ist-richtig","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.psychose-seminar.de\/?page_id=337","title":{"rendered":"Zwischen besch\u00fctzen und \u00fcberfordern \u2013 welcher Umgang mit dem Patienten ist richtig?"},"content":{"rendered":"<p>Protokoll vom 21. Oktober 2015<\/p>\n<p><b>Ablauf:<\/b><\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dfung des Auditoriums und der anwesenden G\u00e4ste, Frau Markus \u2013 Sellhaus von der LVR Klinik D\u00fcren Frau Dangel<\/p>\n<p>Vorstellung des Psychoseseminars Herr Schmidt<\/p>\n<p>Ablauf des Seminars mit Pausen und Getr\u00e4nken und Protokoll erkl\u00e4ren und Moderation und Protokoll Frau Dangel<\/p>\n<p><b>Einstieg &#8211; Frau Dangel:<\/b><\/p>\n<p>Heute ist das Thema: \u201eZwischen Besch\u00fctzen und \u00dcberfordern \u2013 welcher Umgang mit dem Patienten ist richtig?\u201c Wir m\u00f6chten Sie fragen, welche Beispiele Sie daf\u00fcr haben, dass Betroffene unter- oder \u00fcberfordert wurden? Oder wann haben Sie sich als Betroffener \u00fcber- bzw. unterfordert gef\u00fchlt, von Angeh\u00f6rigen, \u00c4rzten, Kollegen, Freunden? K\u00f6nnen Sie bitte Ihre Beispiele auf Karten aufschreiben (Pro Karte ein Beispiel).Im Anschluss m\u00f6chten wir die Karten vorstellen (wer m\u00f6chte) und auf dem Boden zuordnen.<\/p>\n<p>Es entsteht eine lebhafte Diskussion zu dieser Fragestellung. Alle Anwesenden beschreiben aus ihrer Perspektive ihre Erfahrungen. Betroffen f\u00fchlen sich in der Erkrankung oftmals unverstanden; Angeh\u00f6rigen fehlt Information zur Erkrankung, f\u00fcr die Fach\u00e4rztin ist es wichtig, die \u201ePatienten\u201c im Seminar zu erleben, weil sie von ihrer Erfahrungen berichten k\u00f6nnen (im nicht akuten Zustand).<\/p>\n<p>Problematisch f\u00fcr Angeh\u00f6rige ist, wenn akut erkrankte Familienmitglieder keine Krankheitseinsicht zeigen und nicht zum Arzt gehen m\u00f6chten. Angeh\u00f6rige sorgen sich dann, weil der \/ die Betroffene sich z. B. nicht mehr ausreichend versorgt mit Lebensmittel, weil sich M\u00fcll in der Wohnung sammelt und es zu unhygienischen Zust\u00e4nden kommt, weil alle sozialen Kontakte abbrechen.<\/p>\n<p>Betroffenen k\u00f6nnen oftmals in der Akuterkrankung nicht beschreiben, wie sie sich f\u00fchlen, was sie hindert, was sie hemmt. In der akuten Psychose treten h\u00e4ufig wahnhafte Gedanken auf, die auch Angst machen. Zudem kann eine hohe Erregbarkeit hinzukommen bis hin zur Aggression.<\/p>\n<p>Eine Betroffene berichtet: \u201e In der Depression konnte ich mich \u00fcber gar nichts freuen. Ich habe immer gedacht, ich komme nie mehr aus diesem Zustand heraus. Das andauernde Verst\u00e4ndnis meines Umfelds hat mir geholfen, in ganz kleinen Schritten wieder Mut zu fassen. Auch Medikamente sind wichtig. Und das ambulant betreute Wohnen hat mich unterst\u00fctzt, im Haushalt und mit meinem Kindern. Bis ich es geschafft habe, wieder ein \u201enormales\u201c Leben zu f\u00fchren, hat es Jahre gedauert. Die Medikamente mussten bei mir mehrfach umgestellt werden. Teilweise hatte ich erhebliche Nebenwirkungen. Heute komme ich gut zurecht.\u201c<\/p>\n<p>Die beschriebenen Karten werden w\u00e4hrend der Diskussion auf dem Boden wie folgt zugeordnet:<\/p>\n<p>Auf dem Boden liegen drei beschriftete Bl\u00e4tter:<\/p>\n<p><b>In der Mitte: Betroffener<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Eine Betroffene berichtet, dass sie sich je nach Auspr\u00e4gung der Erkrankung \u00fcber- oder unterfordert f\u00fchlte.<\/li>\n<li>Die individuelle Belastbarkeit ist ein schmaler Grat, die sich im Verlauf der Erkrankung \u00e4ndert.<\/li>\n<li>Betroffene m\u00f6chten nicht auf ihre Diagnose reduziert werden.<\/li>\n<li>Beschwichtigungen, wie: \u201eAch, das wird schon wieder\u201c, nutzen gar nichts.<\/li>\n<li>Wichtig ist, Vertrauen und Loslassen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Gut gemeinte Ratschl\u00e4ge nutzen nichts.<\/li>\n<li>Fordern ist wichtig; bei Antriebslosigkeit ist das \u201emitziehen\u201c oft hilfreich. Dies erfordert einen geduldigen und liebevollen Umgang mit den Betroffenen. Aber es gibt kein MUSS in der Erkrankung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Rechts: \u00dcberforderung<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Angeh\u00f6rige f\u00fchlen sich \u00fcberfordert im Umgang mit den Betroffenen und umgekehrt.<\/li>\n<li>Es gibt oft zu wenig oder kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Erkrankung. S\u00e4tze wie, \u2026mach doch einfach mal, oder\u2026.Du brauchst doch nur\u2026\u2026 erzeugen unn\u00f6tigen Druck und Frustration. Die Betroffenen versuchen dennoch diesen Aufforderungen gerecht zu werden und erleben ihr Scheitern als weitere Niederlage.<\/li>\n<li>Betroffene setzen sich auch selber unter Druck.<\/li>\n<li>Oft sind Betroffene schon durch Kleinigkeiten \u00fcberfordert, was f\u00fcr Gesunde nicht nachvollziehbar ist.<\/li>\n<li>Angeh\u00f6rige f\u00fchlen sich \u00dcberfordert aufgrund keinerlei Information wie man mit der Situation umgehen kann. Es wird eine Schulung f\u00fcr Angeh\u00f6rige gew\u00fcnscht. Besonders auch im Umgang bei einem \u201eAkutfall\u201c.<\/li>\n<li>Betroffene sind oft m\u00fcde; alles ist anstrengend<\/li>\n<li>Nicht nein sagen k\u00f6nnen f\u00fchrt oft zur \u00dcberforderung<\/li>\n<li>\u00dcberforderung der Betroffenen und der Angeh\u00f6rigen f\u00fchrt manchmal auch zu einem Teufelskreis weil Emotionen immer wieder hochkochen und Gelassenheit fehlt.<\/li>\n<li>Mir war alles zu viel: Kinder, Haushalt\u2026ich hatte keine Zeit f\u00fcr mich pers\u00f6nlich.<\/li>\n<li>Fehlende Selbsteinsch\u00e4tzung und unrealistische Ziele f\u00fchren zur \u00dcberforderung.<\/li>\n<li>Manchmal f\u00fchrt auch der Versuch beruflich wieder voll einzusteigen zu \u00dcberforderung. Manche Psychose &#8211; Erkrankte schaffen die Wiedereingliederung in den 1. Arbeitsmarkt nicht mehr. Eine Berentung ist dann sinnvoll.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Links: Unterforderung<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Es wird Betroffenen nichts mehr zugetraut<\/li>\n<li>Es wird immer mehr unterlassen; Betroffene geraten in die Opferrolle, oder eine Opferhaltung<\/li>\n<li>Angemessene berufliche Perspektiven fehlen, die vorhande Potentiale f\u00f6rdern.<\/li>\n<li>Die umfassende Versorgung des Betroffenen durch Familie, ambulante und station\u00e4re Einrichtungen f\u00fchrt manchmal auch zur Unterforderung, soziale F\u00e4higkeiten k\u00f6nnen verloren gehen.<\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p>Pause<\/p>\n<p>Nach der Pause err\u00f6ten wir in der Gruppe, was f\u00f6rderlich ist im Umgang mit Betroffenen und der Erkrankung.<\/p>\n<ul>\n<li>Austausch zwischen Betroffen in einer Selbsthilfegruppe<\/li>\n<li>Nach Ursachen suchen, kann helfen. Dies meint die Bedingungen der Erkrankung verstehen. Den Lebensbezug der Erkrankung beachten.<\/li>\n<li>Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist hilfreich (Angeh\u00f6rigen, \u00c4rzten, Betroffenen)<\/li>\n<li>Informationen helfen, Erkrankung zu verstehen (bei \u00c4rzten, Psychoseseminar, Beratungsstellen, Literatur, Internet)<\/li>\n<li>Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Erkrankung aufbringen.<\/li>\n<li>Ein Ansprechpartner von \u201eau\u00dfen\u201c kann dem Betroffenen helfen (Betreuer, rechtlich oder ambulantes betreutes Wohnen, Tagesst\u00e4tte, Wohnheime))<\/li>\n<li>Angeh\u00f6rige helfen den Betroffenen, in dem sie gut f\u00fcr sich selber sorgen<\/li>\n<li>(Psycho-) Therapie kann helfen (bei bestimmten Erkrankungen. Mit dem Facharzt absprechen).<\/li>\n<li>Medikamente sind meist unumg\u00e4nglich. In der Akuterkrankung k\u00f6nnen sie hochdosiert sein und die Betroffenen ver\u00e4ndern. Bei akuter Psychose wirken die Medikamente d\u00e4mpfend und beruhigend, angstnehmend und antipsychotisch.<\/li>\n<li>Auch in der Erkrankung gibt es gesunde Anteile der Betroffenen, die diese nutzen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Nichtpsychiatrische Kontakte k\u00f6nnen auch helfen, da sie eine gewisse \u201eNormalit\u00e4t\u201c erzeugen.<\/li>\n<li>Austausch der Angeh\u00f6rigen in einer Selbsthilfegruppe<\/li>\n<li>Bei einer Akutgef\u00e4hrdung k\u00f6nnen Angeh\u00f6rige sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes des Kreises D\u00fcren wenden. Dieser macht auch Hausbesuche und ber\u00e4t Angeh\u00f6rige.<\/li>\n<li>Eine gesetzliche Betreuung kann auch von Angeh\u00f6rigen beim zust\u00e4ndigen Amtsgericht vorgeschlagen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es wird festgestellt, dass es ein unterschiedlich langer Prozess ist, den Umgang mit der Erkrankung zu lernen (f\u00fcr Betroffene wie f\u00fcr Angeh\u00f6rige). Ein Betroffener berichtet, dass er bei dem zweiten psychotischen Schub schon gemerkt hat (Fr\u00fchwarnsymptome), dass er wieder erkrankt. So konnte er aktiv werden und die Klinik selbst\u00e4ndig aufsuchen. Die regelm\u00e4\u00dfige Einnahme der Medikamente hat ihm auch geholfen.<\/p>\n<p>Festgestellt wird auch, dass bei jungen Psychose \u2013 Erkrankten die pers\u00f6nliche Reifung noch in vollem Gange ist, und dies auch Auswirkungen auf das eigne Erleben der Erkrankung hat sowie auf den Umgang mit der Erkrankung. Gesundheitsf\u00f6rdernde \u2013 und stabilisierende Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen oftmals dann noch nicht im erforderlichen Ma\u00dfe eingehalten werden.<\/p>\n<p>Wie eine Erkrankung verl\u00e4uft kann nicht vorausgesagt werden. 1\/3 aller Psychose- Erkrankten sind nur einmalig betroffen. Die Disposition an einer Psychose zu erkranken ist bei allen Menschen unterschiedlich. Sie kann durch Drogenkonsum und Stress erheblich gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Ca. 21:00 Uhr<\/p>\n<p><b>Abschlussrunde:<\/b> Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)<\/p>\n<p>Hinweis auf das n\u00e4chste Seminar am 18. November 2015 mit dem Titel: \u201eWelche Entwicklung gibt es in der psychiatrischen Versorgung im Kreis D\u00fcren?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Protokoll vom 21. 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