{"id":331,"date":"2015-05-20T17:21:35","date_gmt":"2015-05-20T15:21:35","guid":{"rendered":"https:\/\/psychose-seminar.info\/?page_id=331"},"modified":"2015-05-20T17:21:35","modified_gmt":"2015-05-20T15:21:35","slug":"migration-und-psychische-erkrankungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.psychose-seminar.de\/?page_id=331","title":{"rendered":"Migration und psychische Erkrankungen"},"content":{"rendered":"<p>Protokoll vom 20. Mai 2015<\/p>\n<p><b>Einstieg &#8211; Frau Dangel:<\/b> Heute ist das Thema: Migration und psychische Erkrankung.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird der Gast, Herr Chizari gebeten, sich vorzustellenden:<\/p>\n<p>Ich arbeitet im SPKoM, Sozialpsychiatrisches Kompetenzzentrum Migration des LVR. Mein B\u00fcro befindet sich in Stolberg. Meine Aufgaben sind u. a., die Erfahrungen in der psychiatrischen Arbeit von Menschen mit Migrationshintergrund zu b\u00fcndeln, zu koordinieren und zu vernetzten, besonders die Dienste der unterschiedlichen psychiatrischen Einrichtungen, z. b. der SPZs. Ich arbeite mit unterschiedlichen Institutionen und kulturellen und religi\u00f6sen Organisationen zusammen, qualifiziere Mitarbeiter \/ innen, erstelle Informationsmaterial und vieles mehr. Von Beruf bin ich Diplom \u2013 Sozialp\u00e4dagoge. Ich komme aus Persien.<\/p>\n<p>Nun m\u00f6chten wir herausfinden, welche Erfahrungen Sie mit psychischen Erkrankungen hier und \/ oder in ihrem Heimatland gemacht haben. Dies kann auch ihre Angeh\u00f6rigen betreffen. Wir m\u00f6chten auch erfahren, wie die psychiatrische Versorgung in verschiedenen L\u00e4ndern aussieht.<\/p>\n<p>Es entsteht eine Diskussion mit folgenden Inhalten:<\/p>\n<ul>\n<li>Ich habe mit einem niedergelassenen Psychiater aus dem russischsprachigen Raum die Erfahrung gemacht, dass dieser mir eine andere Sichtweise meiner Erkrankung (Psychose) vermitteln konnte. Der Fokus lag auf meinen Erfahrungen und Eigenschaften sowie F\u00e4higkeiten, nicht auf meinen Defiziten.<\/li>\n<li>Ich arbeite seit 25 Jahren mit Kindern mit Migrationshintergrund (auch von Fl\u00fcchtlingsfamilien). Noch nie wurde in dieser Zeit seitens der Eltern \u00fcber psychische Erkrankung gesprochen. Ein Problem stellt sicherlich die Sprache dar, da die Kinder kein Deutsch sprechen und die Eltern auch nicht. So k\u00f6nnen m\u00f6gliche Beschwerden gar nicht ge\u00e4u\u00dfert werden.<\/li>\n<li>Es wird festgestellt, dass hier in dieser Region keine Selbsthilfegruppe speziell von Migranten f\u00fcr Migranten bekannt ist.<\/li>\n<li>Vermutet wird, dass Menschen mit Migrationshintergrund in ihren religi\u00f6sen Gruppen oftmals sehr geschlossen sind und sich nicht leicht psychiatrischen Hilfsangeboten \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Als Beispiel wird von einer Verwandten berichtet, die mit drei M\u00e4dchen aus dem Krieg gefl\u00fcchtet ist und dort massivste Form der Gewalt erlebt hat. Ein tragischer Unfall f\u00fchrte sp\u00e4ter hier in Deutschland zu Tod der M\u00e4dchen. Halt fand die Angeh\u00f6rige bei den Zeugen Jehovas. Eine Verarbeitung ihres Traumas hat nie stattgefunden.<\/li>\n<li>Es fehlt oftmals pers\u00f6nlich die Erkenntnis dar\u00fcber, dass eine psychische Erkrankung vorliegt. Es zeigt sich, dass Menschen ablehnend reagieren und mit bestimmten Verhalten nicht umgehen k\u00f6nnen. Erkrankte m\u00fcssen sich hier in Deutschland erkl\u00e4ren und von Beh\u00f6rde zu Beh\u00f6rde laufen. Niemand sagt, was konkret zu tun ist. Im Heimatland reagieren die Menschen anders. Sie sagen, dass die Person <b>zu viel im Leben gesehen hat<\/b>. Dann muss sich die Familie mehr um den Betroffenen Angeh\u00f6rigen k\u00fcmmern. Der Iman (religi\u00f6ses Oberhaupt) sagt der Familie, was sie zu tun hat. Es gibt besonders im politischen und religi\u00f6sen Kontext klare Vorgaben, die auch Sicherheit geben. So m\u00fcssen sich Minderheiten z. B. unterordnen. In Deutschland ist das anders. Dort haben alle Menschen \u2013 auf dem Papier \u2013 die gleichen Voraussetzungen (Grundgesetz).<\/li>\n<li>Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnen in Deutschland eine Therapie bekommen, sobald sie einen gekl\u00e4rten Aufenthaltsstatus haben. Im Asylverfahren greift eine Notfallbehandlung. Das Asylverfahren kann allerdings sehr lange dauern (2-3 Jahre). Im Notfall k\u00f6nnen Therapien sowie BeWo w\u00e4hrend des Asylverfahrens \u00fcber das Sozialamt beantragt werden. Das SPKoM kann hier im Einzelfall eine Erstberatung durchf\u00fchren und \/ oder eine Vermittlung.<\/li>\n<li>Bei Menschen, die Gewalt durch Kriegserlebnisse erfahren haben, zeigen sich oftmals auch Problem in der Erzeihung ihrer Kinder. Die Kinder leiden, Familienstrukturen k\u00f6nnen zerfallen, weil die Kinder sich von ihrer Familie entfernen. Manchmal finden erst in den nachfolgenden Generationen die Familien wieder zusammen. Die Kinder ben\u00f6tigen ebenso Hilfen wie die Erwachsenen.<\/li>\n<li>Studien in Deutschland zeigen auf, dass der Prozentsatz von Deutschen und von Migranten bei psychischer Erkrankung gleich hoch ist. Ambulanten Hilfen werden von Migranten weniger angenommen als von Deutschen. Eine Ursache kann die Sichtweise bzw. die Erfahrung bzgl. der Psychiatrie im Heimatland sein. Am Beispiel Iran wird beschrieben, dass es dort nur geschlossene Psychiatrie gibt, die auch dezentral liegt. Psychische Erkrankung ist dort ein Tabu. In \u00c4gypten entwickelt sich hingegen durch den politischen Umbruch eine \u00d6ffnung der Psychiatrie.<\/li>\n<\/ul>\n<hr \/>\n<p><b>Pause<\/b><\/p>\n<p>Nach der Pause erfolgt eine Diskussion zum Thema Familie. Ist sie f\u00f6rderlich bei psychischer Erkrankung oder verhindert sie den Genesungsprozess?<\/p>\n<ul>\n<li>Bei muslemischen Familien haben Familienstrukturen einen hohen Stellenwert. Es gibt eine Verpflichtung gegen\u00fcber den Eltern, besonders bei Erkrankung. Es hat sich oftmals als hilfreich gezeigt, die Familie \u201emit ins Boot zu nehmen\u201c. Dann zeigt sie sich engagiert und versteht die Abl\u00e4ufe und Zusammenh\u00e4nge. Bei traditionell ausgerichteten Familien sind die Hilfen schwieriger zu installieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es stellt sich die Frage, was der Einzelne tun kann, um zu helfen und ob bisher vorhandene Hilfen noch besser geb\u00fcndelt werden m\u00fcssen. Hierzu gibt es folgende Aussagen<\/p>\n<ul>\n<li>Die Angeh\u00f6rigen sollen von Anfang an mit einbezogen werden<\/li>\n<li>Die eigenen Erfahrung mit der Erkrankung sollen weiter gegeben werden<\/li>\n<li>Hilfsangebote sollen deutlich gemacht werden<\/li>\n<li>Vorurteile sollen weiter abgebaut werden<\/li>\n<\/ul>\n<p>Welche Hilfen f\u00fcr seelisch belastete Migranten sind im heutigen Psychosesemianr bekannt, welche sind gut?<\/p>\n<ul>\n<li>Familie als Unterst\u00fctzung<\/li>\n<li>Freundeskreis \/ soziales Netz<\/li>\n<li>Selbsthilfegruppen (speziell f\u00fcr Migranten gibt es eine SHG im Rhein Erft Kreis f\u00fcr depressive t\u00fcrkische M\u00e4nner)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bzgl. der Selbsthilfegruppen f\u00fcr Migranten wird besprochen, dass hier Werbung hilfreich sein k\u00f6nnte. Das SPKoM und die Kette unterst\u00fctzen Interessierte und vermitteln gerne an die Selbsthilfe \u2013 Kontaktstelle D\u00fcren.<\/p>\n<p>Vorgestellt wird als neues Hilfsangebot das Projekt WEGBEGLEITER: Eine kleine Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund und Psychiatrieerfahrung m\u00f6chte eine Begleitung f\u00fcr erkrankte Migranten anbieten. Unterst\u00fctzt und begleitet wird die Gruppe vom SPZ der Kette e. V., D\u00fcren. Es stehen noch weitere Kooperationsgespr\u00e4che an.<\/p>\n<p>Aufgez\u00e4hlt werden zum Schluss weitere bestehende Hilfen f\u00fcr Migranten:<\/p>\n<ul>\n<li>Gesundheitswegweiser f\u00fcr Migranten \u2013 im Kreishaus D\u00fcren<\/li>\n<li>Medizinische Versorgung f\u00fcr Papierlose Migranten &#8211; Kreishaus D\u00fcren<\/li>\n<li>Muslemisches Seelsorgentelefon \u2013 030 \/ 443509821 (Berlin)<\/li>\n<li>Portal zu Gesundheit \u2013 <a class=\"external free\" href=\"http:\/\/www.liga.nrw.de\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.liga.nrw.de<\/a><\/li>\n<li>Sprach und Integrationsmittlerpool \u2013 P\u00c4Z Aachen (0241 \/ 4017779)<\/li>\n<li>Zentrum f\u00fcr Sozial \u2013 und Migrationsberatung \u2013 ev. Gemeinde zu D\u00fcren<\/li>\n<li>Information f\u00fcr Zugewanderte &#8211; <a class=\"external free\" href=\"http:\/\/www.integra-netz.de\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.integra-netz.de<\/a><\/li>\n<li>T\u00fcrkisch Islamische Union \u2013 K\u00f6ln, psychosoziale Beratung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Themen f\u00fcr die 2te Jahresh\u00e4lfte werden benannt:<\/p>\n<ul>\n<li>Samt \u2013 Handschuhe? Patienten mit R\u00fccksicht und Pflege oder auch mit Druck und Belehrung helfen?<\/li>\n<li>Einf\u00fchrung als erster Termin (Was ist Psychose? Welche psychischen Erkrankungen gibt es?)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ca. 20:30 Uhr<\/p>\n<p><b>Abschlussrunde:<\/b> Ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht (was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?)<\/p>\n<p>Bedanken bei der Seminargruppe (und dem Gast \/ den G\u00e4sten) \u2013 Hinweis auf das n\u00e4chste Seminar am 17. Juni zu dem Thema \u201eabsetzen von Medikamenten, geht das gut?\u201c. Alle weiteren Themen stehen auch auf der Homepage des Psychose \u2013 Seminars<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Protokoll vom 20. Mai 2015 Einstieg &#8211; Frau Dangel: Heute ist das Thema: Migration und psychische Erkrankung. Zun\u00e4chst wird der Gast, Herr Chizari gebeten, sich vorzustellenden: Ich arbeitet im SPKoM, Sozialpsychiatrisches Kompetenzzentrum Migration des LVR. Mein B\u00fcro befindet sich in Stolberg. 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