{"id":274,"date":"2011-12-21T18:27:48","date_gmt":"2011-12-21T16:27:48","guid":{"rendered":"https:\/\/psychose-seminar.info\/?page_id=274"},"modified":"2011-12-21T18:27:48","modified_gmt":"2011-12-21T16:27:48","slug":"psychische-erkrankungen-lieber-schweigen-oder-reden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.psychose-seminar.de\/?page_id=274","title":{"rendered":"Psychische Erkrankungen \u2013 lieber schweigen oder reden?"},"content":{"rendered":"<p><b>Protokoll des Psychoseseminars vom 21.12.2011 von 19.00 \u2013 20:45 Uhr<\/b><\/p>\n<p>Moderation und Protokoll: Frau Kinzel<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erfolgt die Begr\u00fc\u00dfung des Auditoriums und der G\u00e4ste: Herr Dr. Zwernemann (LVR-Klinik D\u00fcren) und Frau Van den Bos Nicolai (Seelsorgin der LVR-Klinik D\u00fcren)<\/p>\n<p><b>1. Info: Aus dem Thema geht nicht eindeutig hervor, in welcher Situation geredet oder geschwiegen werden k\u00f6nnte.<\/b><\/p>\n<p><b>Frage in die Runde: \u201eAn welche Situationen haben Sie gedacht, als Sie das Thema gelesen haben?<\/b><\/p>\n<p>Folgende Situationen wurden benannt und an der Flip-Chart gesammelt:<\/p>\n<ul>\n<li>Beim Arzt<\/li>\n<li>Arbeitsplatz\n<ul>\n<li>beim Chef<\/li>\n<li>enger Kollegenkreis<\/li>\n<li>erweiterter Kollegenkreis<\/li>\n<li>spezielle Situation \u2013 beim Vorstellungsgespr\u00e4ch<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Nachbarschaft\/soziales Umfeld<\/li>\n<li>Familie<\/li>\n<li>Freunde<\/li>\n<li>Bekannte \/ neue Bekannte (z.B. beim Ausgehen)<\/li>\n<li>Wann ist der richtige Zeitpunkt zu reden oder zu schweigen?<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>2. Haben Sie Beispiele aus Ihrem Leben, in denen es gut oder schlecht war zu reden oder aber zu schweigen?<\/b><\/p>\n<p><b>Beim Arzt:<\/b><\/p>\n<p>Eine Teilnehmerin berichtet, dass sie schlechte Erfahrungen damit gemacht hat, ihrem Hausarzt, bei dem sie wegen ihres R\u00fcckenleides war zu sagen, dass sie eine psychische Erkrankung hat. Sie wurde, wie sie schilderte, von diesem direkt in \u201edie Ecke alles psychisch\/psychosomatisch bedingt geschoben\u201c.<\/p>\n<p>Hier erfolgten Einw\u00e4nde aus der Runde dahingehend, dass es sehr wesentlich sei, bei Arztbesuchen von der psychischen Erkrankung zu berichten, da es ansonsten bei Verschreiben von Medikamenten zu gef\u00e4hrlichen Wechselwirkungen der kombinierten Arzneimittel kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein weiterer Teilnehmer meint darauf hin, dass (f\u00fcr ihn) wenn keine Medikamente verschrieben werden keine Grund vorliege, die psychische Erkrankung anzugeben.<\/p>\n<p>Hier ist ein weiterer Teilnehmer anderer Meinung \u2013 man solle es z.B. offen darlegen, wenn man Raucher sei. Auch hier k\u00f6nnen Wechselwirkungen zu Problemen f\u00fchren (Glutamat \u2013 Problematik, der Spiegel kann sich ver\u00e4ndern und in selten F\u00e4llen auch lebensbedrohlich sein.)<\/p>\n<p>Herr Dr. Zwernemann \u00e4u\u00dferte, dass er die Gefahr, in eine \u201ePsychosomatische-Schublade\u201c gesteckt zu werden nicht leugnen kann. Allerdings sieht er neben dem Aspekt der Wechselwirkungen bei unterschiedlichen Medikationen einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt; n\u00e4mlich den, dass sich das Bild von psychischen Erkrankungen in der \u00d6ffentlichkeit nur ver\u00e4ndern kann, wenn offener damit umgegangen wird (Antistigmatisierung).<\/p>\n<p><b>Arbeitsplatz<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>beim Chef<\/li>\n<li>enger Kollegenkreis<\/li>\n<li>erweiterter Kollegenkreis<\/li>\n<li>spezielle Situation \u2013 beim Vorstellungsgespr\u00e4ch<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hier berichtet eine Teilnehmerin, dass sie von ihrer damaligen Stellvertretenden Chefin den Tipp bekommen hat, ihre Krankmeldung \u00fcber die psychische Erkrankung von ihrem Hausarzt ausstellen zu lassen, damit die leitende Chefin nicht ersehen k\u00f6nnte, dass sie von einem Facharzt f\u00fcr Psychiatrie krankgemeldet wurde.<\/p>\n<p>Eine weitere Teilnehmerin erz\u00e4hlt, dass sie durchweg positive Erfahrungen sowohl im weiteren als auch engeren Kollegenkreis gemacht hat \u2013 sie sei immer offen mit ihrer Erkrankung umgegangen \u2013 sie h\u00e4tte sie auch nicht verstecken k\u00f6nnen, weil es ihr doch hin und wieder nicht so gut ging \u2013 sie sei auf Verst\u00e4ndnis gesto\u00dfen und man h\u00e4tte darauf R\u00fccksicht genommen.<\/p>\n<p>Ein anderer Teilnehmer erwidert, dass es ihm ganz anders ergangen sei. Er sei damals aufgrund seiner psychischen Erkrankung entlassen worden. Jemand aus der Runde fragt: \u201eW\u00e4ren Sie denn noch gerne an einem solchen Arbeitsplatz geblieben?\u201c Der andere Teilnehmer antwortet: \u201eNein, aber ich h\u00e4tte gerne eine Abfindung bekommen, die h\u00e4tte mir zugestanden, aber ich konnte mich in meiner damaligen Verfassung leider nicht rechtlich wehren.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiterer Teilnehmer hat mit seiner Offenheit seinem Chef gegen\u00fcber positive Erfahrungen gemacht, dieser hatte selbst einen \u201egebrochenen Lebenslauf\u201c.<\/p>\n<p>Beim Vorstellungsgespr\u00e4ch scheint die Meinung aller, die sich dazu im Seminar ge\u00e4u\u00dfert haben recht einheitlich zu sein:<\/p>\n<p>Kommentare:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eWenn ich Arbeitgeber w\u00e4re, w\u00fcrde ich bei gleicher Qualifikation etc. auch lieber eine \u201egesunde\u201c Person nehmen.<\/li>\n<li>Unklug<\/li>\n<li>Es macht keinen Unterschied, ob man eine psychische oder physische\/ k\u00f6rperliche Erkrankung angibt \u2013 die Chancen, die Stelle zu bekommen, sinken dann in aller Regel<\/li>\n<li>Evtl. sp\u00e4ter offen machen<\/li>\n<li>Es kommt auf die Branche an \u2013 in manchen Arbeitsfeldern ist Kreativit\u00e4t und Einfallsreichtum gefordert<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Nachbarschaft\/soziales Umfeld<\/b><\/p>\n<p>Teilnehmer: \u201eWenn ich gar nichts sage und irgendwas passiert (z.B. im Schub) sind die Leute weg \u2013 das ist dann wie ein Hammerschlag vor den Kopf f\u00fcr die.\u201c \u201eWenn ich aber vorher davon berichte, aufkl\u00e4re, informiere \u2013 dann nimmt man die Leute mit.\u201c Sie bekommen eine Chance m\u00f6glicherweise anders (verst\u00e4ndnisvoller) zu reagieren. Dies sagt ein Teilnehmer, der schon relativ lange erkrankt ist und schon Zeit und Mut gefunden hat (f\u00fcr sich) konstruktiv mit der Erkrankung umzugehen.<\/p>\n<p>\u201eViele Menschen k\u00f6nnen nicht damit umgehen, es ist vielleicht nicht b\u00f6se gemeint.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJeder Jeck ist anders\u201c (Jeder sollte so genommen werden, wie er ist.)<\/p>\n<p><b>Familie<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>wird von einer Teilnehmerin als unterst\u00fctzend geschildert<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>eine weitere Teilnehmerin berichtet, wie sehr es sie belastet hat (und scheinbar immer noch belastet) weder mit ihren Eltern noch mit ihren Schwestern in jungen Jahren \u00fcber ihre Erkrankung sprechen zu k\u00f6nnen: \u201eIch habe immer den Clown gespielt\u201c \u2013 und damit ging es ihr immer schlechter, wenn sie so auf Aussagen wie \u201eDu hast doch ein gutes Leben\u201c hat reagieren m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Jemand anderer berichtet von Scham<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Eine Angeh\u00f6rige berichtet davon, wie gut ihr das Reden in einer Beratungsstelle geholfen habe, dort reden zu k\u00f6nnen, Informationen und Aufkl\u00e4rung zu erfahren, auch in einer Angeh\u00f6rigengruppe \u2013 das g\u00e4be ihr Mut. Man hat M\u00f6glichkeiten und kann etwas machen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Als Angeh\u00f6rige hat eine Teilnehmerin schlechte Erfahrungen gemacht, als sie beim Arzt ihres Mannes etwas \u00fcber sein famili\u00e4res Umfeld etc. beitragen wollte \u2013 sie sei eher auf Ablehnung gesto\u00dfen \u2013 Einw\u00e4nde: Nicht entmutigen lassen \u2013es war einen Versuch wert \u2013 bei jemand anderes w\u00e4re es vielleicht sehr hilfreich gewesen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Lt. Herrn Dr. Zwernemann gibt es leider noch immer ein gro\u00dfes Defizit an Informationen sowohl f\u00fcr Betroffene als auch f\u00fcr Angeh\u00f6rige. Es w\u00e4re sehr wichtig, Angebote wie Beratungsstellen, Angeh\u00f6rigengruppen, Gespr\u00e4che mit Fachleuten wahrzunehmen &#8211; wenn man selbst oder auch die Angeh\u00f6rigen gut informiert sind, f\u00e4llt h\u00e4ufig auch das Reden leichter \u2013 und es kann nicht mehr so viel in psychische Erkrankungen, deren Hintergr\u00fcnde und Ursachen etc. hineininterpretiert werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Wenn man zuviel wei\u00df, sei es vielleicht auch nicht gut, wendet ein Teilnehmer ein\u2026 Das meint H. Dr. Zwernemann nicht: Er m\u00f6chte als Arzt seinem Gegen\u00fcber bestm\u00f6glich helfen \u2013 je offener die Situation ist, umso besser kann Hilfe gelingen \u2013 ihm ist an einem Gespr\u00e4ch \u201eauf Augenh\u00f6he\u201c gelegen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Freunde<\/b><\/p>\n<p>Ein Teilnehmer sagt, dass er eine spezielle Art von Pers\u00f6nlichkeit hat und nicht darunter leidet. Er berichtet weiter, dass nach seinem Kenntnisstand 70-80% der Betroffenen die Psychosen als angenehm empfinden \u2013 hier taucht von anderen die Frage auf ob dies evtl. nur im ersten Moment der Psychose sei und wie es f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen sei etc. Er erwidert, dass er f\u00fcr sich auf keinen Fall eine Fassade aufbauen m\u00f6chte, authentisch sein m\u00f6chte und meint, wenn er selbst mit seiner Erkrankung gut und offen umgehen k\u00f6nne, k\u00f6nne er das auch gut an andere weitergeben \u2013 den Mut \u2013 das Positive.<\/p>\n<p>Zitat eines Teilnehmers: \u201eIst der Ruf erst ruiniert, lebt es sich v\u00f6llig ungeniert.\u201c Er brauche in seinem sozialen Umfeld nicht zu selektieren, das w\u00fcrden die Menschen um ihn herum schon von selbst machen.<\/p>\n<p><b>Bekannte \/ neue Bekannte (z.B. beim Ausgehen)<\/b><\/p>\n<p>Ein Teilnehmer hat die Erfahrung gemacht, dass \u201eDepressive Themen\u201c Menschen eher abschrecken, wo hingegen z.B. Psychotische Schilderungen etwas \u201eschillerndes\u201c, \u201eHorizont-erweiterndes\u201c zu haben scheinen.<\/p>\n<p>\u201eMut zum Reden\u201c \u2013 \u201eMan kann es trainieren\u201c<\/p>\n<p>Es wird von der Erfahrung berichtet, dass bei eigener Offenheit das Gegen\u00fcber auch erstaunlich oft offen reagiert und von eigenen Problemen, Erkrankungen oder Krankheiten in seinem engeren Umfeld erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wenn jemand noch nicht so lange erkrankt ist, f\u00e4llt es h\u00e4ufig schwer, offen damit umzugehen \u2013 geschweige denn, wenn noch keine Krankheitseinsicht besteht.<\/p>\n<p><b>Wann ist der richtige Zeitpunkt zu reden oder zu schweigen?<\/b><\/p>\n<p>Individuell und von Situation zu Situation unterschiedlich.<\/p>\n<p><b>3. K\u00f6nnen wir eine Regel finden, wann man schweigen, wann man reden soll?<\/b><\/p>\n<p>Es gibt keine einheitliche L\u00f6sung, keinen Konsens. Es h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab (Situation, Erfahrenheit vs. Unerfahrenheit mit der eigenen Erkrankung, bisherige positve vs. negative Erfahrungen, Mut, eigener Informationsstand, etc.) \u2013 wesentlich scheint zu sein, dass es dem einzelnen Menschen mit seiner jeweiligen Entscheidung, ob er redet oder schweigt gut geht.<\/p>\n<p><b>Abschlussrunde<\/b> \u2013 ein Stein wird in die Runde gegeben: Was hat Ihnen diese Veranstaltung gebracht? (Was nehmen Sie mit? Was lassen Sie hier?) Verabschiedung und Bedanken bei den G\u00e4sten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Protokoll des Psychoseseminars vom 21.12.2011 von 19.00 \u2013 20:45 Uhr Moderation und Protokoll: Frau Kinzel Zun\u00e4chst erfolgt die Begr\u00fc\u00dfung des Auditoriums und der G\u00e4ste: Herr Dr. Zwernemann (LVR-Klinik D\u00fcren) und Frau Van den Bos Nicolai (Seelsorgin der LVR-Klinik D\u00fcren) 1. 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